2026.03.18
Hallo Heidi,
vielen Dank für Deine Zeilen – kurz und knapp, aber genau so
beginnt oft ein guter Austausch. 🙂
Ich stelle mich gern ein wenig vor:
Ich heiße Jürgen, lebe in Dresden und habe viele Jahre als
Anwendungsprogrammierer gearbeitet. Inzwischen beschäftige ich
mich viel mit dem Thema Künstliche Intelligenz – allerdings eher
praktisch und bodenständig, also wie man damit Dinge im Alltag
sinnvoll lösen kann.
Privat bin ich ein eher ruhiger Mensch, der den Austausch über
Gedanken, Erfahrungen und Lebenswege schätzt. Früher habe ich sehr
viel gelesen, heute sind es eher Fachthemen – aber genau deshalb
fehlt mir manchmal der persönliche Austausch über „alles
Mögliche“. Schreiben ist für mich so eine Art Gegenpol geworden.
Was mir beim Brieffreund wichtig ist:
kein Rechthaben, sondern echtes Interesse am Gegenüber.
Unterschiedliche Sichtweisen finde ich eher spannend als störend –
solange man respektvoll miteinander umgeht.
Ein paar Stichworte zu mir:
Familie spielt eine große Rolle in meinem Leben
Ich war auch im Ausland unterwegs (u. a. Spanien und Karibik)
Technik interessiert mich – aber der Mensch dahinter noch
mehr
Ich mag einfache, klare Gespräche ohne „Drumherum“
Jetzt bin ich natürlich neugierig:
Was sind denn Deine „ähnlichen Interessen“?
Eher Lesen, Reisen, Alltag, Gedanken über die Welt – oder etwas
ganz anderes?
Ich freue mich auf Deine Antwort.
Viele Grüße
Jürgen
2026.03.19
Hallo Jürgen,
vielen Dank für Deine recht umfangreiche Antwort. Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Jetzt frage ich mich aber tatsächlich, welches unsere ähnlichen Interessen sein können?
Berufliche Belange schon mal nicht. Ich war die letzten 25 Jahre meines Berufslebens als Kassenleiterin im Einzelhandel tätig. Musste mich aber immer mit
der neuesten Kassentechnik auseinandersetzen und beherrschen.
Aber ich schreibe sehr gern, wie Du ja auch.
Zu meiner Person Folgendes:
Ich bin fast 67 Jahre jung und seit fast 4 Jahren in Rente, habe endlich Zeit für Hobbys.
Mein Lebensraum ist ein kleines Dorf in der Uckermark bei Schwedt.
Ich habe einen kleinen Garten, 6 Hühner, 1 Hahn, 1 Hund und 4 Katzen.
Familie ist mir auch wichtig. Die Kinder und Enkel leben aber in anderen Städten.
Ich bin verheiratet, aber darüber vielleicht später mehr. Ich suche auch keinen Partner, sondern eine Person, mit der ich mich über Gott und die Welt austauschen kann.
Ich bin aktiv, mache Yoga, gehe tanzen und singe gern. Musik ist mir wichtig.
Leider spiele ich kein Instrument und kann auch nicht malen, aber ich bastel gerne.
Ich hoffe, Du kannst Dir jetzt ein Bild von mir machen.
Für heute muss es ausreichen, wenn Du mir weiter schreiben willst, freue ich mich.
Vielleicht bis bald, viele Grüsse
Heidi
Jürgen Reichenberger <
briefwechsel@jreichenberger.net
2026.03.21
Hallo Heidi,
vielen Dank für Deine ausführlichen Zeilen – ich habe sie sehr gern
gelesen. 🙂
Ich musste schmunzeln: Du hast Dich beruflich mit Kassentechnik
beschäftigt, ich mich mit Programmiertechnik. Am Ende gar nicht so weit
auseinander – nur zwei Seiten derselben Medaille.
Du bist schon vier Jahre in Rente, bei mir dauert es noch ein bisschen –
geplant ist aktuell 2027.
Was Du über „endlich Zeit für Hobbys“ schreibst, kann ich gut
nachvollziehen. Wobei ich sagen muss: Eines meiner größten Hobbys ist
tatsächlich das Programmieren selbst. Das mache ich seit 1986 – also
inzwischen rund 40 Jahre. Insofern wird sich bei mir vermutlich gar
nicht so viel ändern, außer dass ich es dann ohne „muss“ machen kann.
Die letzten Tage waren bei mir ganz interessant:
Am Donnerstag habe ich mich auf eine freiberufliche Aufgabe vorbereitet
– inklusive Prüfung.
Und tatsächlich: Ich habe bestanden. Jetzt bin ich gespannt, ob und wann
der erste Auftrag reinkommt.
Am Freitag habe ich mich mit meinen 360°-Aufnahmen beschäftigt, die ich
bei meinem Sohn gemacht habe.
Dabei gibt es ein typisches Problem: Auf den Bildern sieht man unten am
Boden das Stativ. Das muss mit einem sogenannten „Nadir“-Foto überdeckt
werden. Klingt erstmal einfach – war es aber überhaupt nicht.
Ich habe tatsächlich mit der dritten KI und insgesamt etwa acht Stunden
gebraucht, bis es endlich so funktioniert hat, wie ich es wollte.
Das ist übrigens eines meiner weiteren Hobbys – solche 360°-Touren zu
erstellen. Falls Du mal neugierig bist:
https://hoomdoo.com/tour/dresden/
Oder hier ein Beispiel aus München als Video:
https://www.youtube.com/watch?v=2tV-lCPujlM&t
<https://www.youtube.com/watch?v=2tV-lCPujlM&t>
Ein drittes Hobby ist bei mir Haus und Garten – zumindest vom Herzen her.
In meiner zweiten Ehe hatten wir ein Grundstück nahe Cottbus mit etwa
1400 m². Als Instandhaltungsmechaniker habe ich unser Haus damals
überwiegend selbst gebaut. Hund, Katzen, Hühner, Kaninchen – daher kann
ich Dein jetziges Leben mit Garten, Hühnern und Tieren sehr gut
nachvollziehen.
Da merkt man erst, wie „echt“ und erdend so ein Alltag sein kann.
Dein Satz, dass Du jemanden suchst, mit dem Du Dich „über Gott und die
Welt“ austauschen kannst, gefällt mir sehr gut.
Das ist genau die Art von Austausch, die ich auch suche – ohne Ziel,
ohne Druck, einfach ein Gespräch, das sich entwickelt.
Und wer weiß – vielleicht sind unsere Interessen gar nicht so
unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick scheint.
Viele Grüße
Jürgen
2026.03.22
Hallo Jürgen,
herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung👏
Du bist zu beneiden. Ich glaube, es gibt nichts Schöneres, als die Arbeit zu tun, die einem so viel Spass macht wie Dir.
Ich habe auch einmal Deinen beruflichen Werdegang über Google beauskunftet.
Es freut mich, dass wir den gleichen Start ins Leben hatten, da Du ja auch durch die DDR geprägt wurdest.
Wir hatten auch tatsächlich einmal den selben Arbeitgeber. Die NVA! Ich war beim Wehrkreiskommando in Schwedt tätig und habe u. a. die jungen Männer der Jahrgänge 1967 und 1968 bei der Musterung befragt und ihnen ihre Wehrdienstausweise geschrieben.
Nach der Wende hatte ich nicht so viel Glück. Mein Arbeitsplatz war verloren und es bot sich der Handel an, also habe ich zu gesagt und es auf fast 32 Jahre Betriebszugehörigkeit gebracht. Das war kein Zuckerschlecken, aber ich habe damit die Familie durchgebracht. Mein Mann war oft arbeitslos oder seine Firma hat Konkurs angemeldet und dann ging der Kampf ums Geld los.
Heute geniesse ich mein Leben im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten.
Ich kann mich aber auch an Kleinigkeiten erfreuen, z. B. wenn sich eine meiner Kater in der Sonne räkelt oder die Katze mit dem Hund spielt und ihm auflauert.
Einen schönen Wildblumenstrauss pflücken oder Musik hören, gehört auch dazu.
Reisen gehörte leider nicht zu meinem Leben, ich war auch tatsächlich noch nie in Dresden. Danke für den Link, Dresden ist wirklich schön. Die Tour zu München konnte ich nicht öffnen. Mein Tablett ist zu alt für die aktuelle Software von YouTube. Ich hoffe, das war jetzt inhaltlich richtig und verständlich für Dich als "Nerd"😉
Für heute genug geplaudert,
viele Grüsse, Heidi
2026.03.25
Hallo Heidi,
vielen Dank für Deine schönen Zeilen – die liest man nicht einfach nur,
die wirken nach. 🙂
Und danke auch nochmal für Deine Glückwünsche zur Prüfung.
Du hast geschrieben, ich sei zu beneiden, weil mir meine Arbeit so viel
Spaß macht. Ja, da ist etwas dran – aber wenn ich Deine Geschichte lese,
denke ich mir: Jeder hat so seinen Weg. Und Deiner war ganz sicher kein
leichter.
32 Jahre im Handel, oft mit finanziellen Sorgen im Hintergrund und
trotzdem die Familie durchgebracht – das ist für mich keine „normale“
Lebensgeschichte, sondern eine, die viel Kraft und Durchhaltevermögen
zeigt. Das sagt man oft so schnell, aber bei Dir spürt man, dass es
wirklich so war.
Das mit der NVA finde ich immer noch bemerkenswert. Du hast damals die
jungen Männer erfasst, die eingezogen wurden. Ich bin zur NVA gegangen,
weil ich die DDR schützen wollte. Wofür sollen heute die Jungen Leute
zur Bundeswehr? Claudia Roth läuft vor Transparenten mit "Deutschland
verrecke" und ein Habeck der "Deutschland zum Kotzen findet" und mit
"Heimat nichts anfangen kann". Es tut mir gut zu hören, dass für die
geplante 5000-Mann Panzerkompanie in Estland bisher 90% der Freiwilligen
fehlen. Ich meine, die Bundeswehr hat außerhalb von Deutschland nichts
zu suchen.
Was Du über Dein heutiges Leben schreibst, gefällt mir besonders gut.
Diese kleinen Szenen – die Katze in der Sonne, das Spiel zwischen Katze
und Hund, ein selbst gepflückter Blumenstrauß – das sind keine
„Kleinigkeiten“ im eigentlichen Sinne. Das sind genau die Momente, die
das Leben lebendig machen.
Vielleicht ist das auch so ein Unterschied zwischen den Lebensphasen:
Früher ging es oft darum, zu funktionieren. Heute darf man einfach
schauen, was einem guttut.
Dass Du nicht viel gereist bist, finde ich übrigens gar nicht
ungewöhnlich – das ging vielen so. Nach der Wende hatte man die
Möglichkeit zum Reisen, aber viele nicht das Geld dafür. Umso schöner
ist es, wenn man sich die Welt auf andere Weise ein Stück näher holt,
sei es über Bilder, Gespräche oder einfach über die Gedanken anderer
Menschen.
Und was das „Nerd“-Thema angeht: Keine Sorge 😉
Verständlich war alles – und am Ende geht es ja nicht um Technik,
sondern darum, dass man sich gegenseitig versteht.
Dein Satz, dass Du Dein Leben „im Rahmen Deiner finanziellen
Möglichkeiten“ genießt, hat bei mir noch etwas ausgelöst:
Ich glaube, genau darin liegt oft mehr Zufriedenheit als in all dem
„mehr haben wollen“. Dieses sich freuen können an dem, was da ist.
Wie geht es euch in Schwedt? Nach der Wende und jetzt?
Ich finde, wir sind mit unserem Austausch auf einem guten Weg – ruhig,
ehrlich und ohne große Erwartungen. Genau so mag ich das.
Viele Grüße
Jürgen
2026.03.26
Hallo Jürgen,
danke, dass Du immer so zeitnah antwortest. Du kannst Dir aber ruhig mehr Zeit lassen, ich weiß ja, dass Dein Tagesablauf nicht so stressfrei ist, wie der meinige.
Ich werde Dir Deine Frage zu Schwedt als erstes beantworten!
Schwedt war vor der Wende bekannt für das PCK, die Papierfabrik und den "Armeeknast". Letzteren gibt es nicht mehr☺. Das PCK verarbeitet ja Erdöl und kämpft ums Überleben, wegen der Sanktionen gegen Russland. Ist aber nach wie vor der grösste Arbeitgeber in der Region. Sollte das AUS kommen, kann man Schwedt vergessen. Die Stadt hat nach der Wende die Einwohnerzahl mehr als halbiert. Ganze Wohnviertel wurden abgerissen. Die Arbeitslosigkeit lag, glaube ich,
bei ca. 20%. Es hat sich aber viel getan und Schwedt ist ganz ansehnlich geworden, jedenfalls für alte Leute. Es gibt die üblichen Lebensmittelketten, POCO (mein letzter Arbeitgeber), OBI, ein Kino und ein Theater. Natürlich fehlen auch die internationalen Lokalitäten nicht. Fitness- und Körperkult-Einrichtungen stehen auch ausreichend zur Verfügung. Wassersportler, Radler und Naturfreunde finden hier ihr "Mekka". Wer die Ruhe sucht, ist hier gut aufgehobenen.
Zum Thema "Wehrdienst" kann ich Dir nur beipflichten. Der Eid, den die Soldaten leisten, wird doch auf dem Banner des Landes abgelegt, aber im täglichen Leben wird diese Fahne weitestgehend verbannt, ja sogar geächtet. Aber, um für das Vaterland zu sterben, da ist die Fahne wieder gut genug. Einfach nur fürchterlich, so wie diese Politik. Und die Beleidigungen, die Poltiker gegen das eigene Volk aussprechen, einfach widerlich. Ich betrachte mich nicht als "faule Rentnerin", ich habe es auf 43 Arbeitsjahre gebracht und war nicht einen Tag arbeitslos.
Und wenn ich das unseren Azubis mal erzählte, dann sagten sie nur:" selber schuld". Oh, mit diesem Thema höre ich lieber auf, sonst schreibe ich mich noch in
Rage.
Sind bei Dir denn schon neue Aufträge eingegangen?
Arbeitet Dein Sohn auch als Informatiker und hast Du noch mehr Kinder? Bist Du vielleicht auch schon Opa? Erzähl doch mal!
Ich habe zwei Töchter, beide sind verheiratet und haben auch je zwei Kinder. Ich habe eine Enkeltochter und drei Enkelsöhne. Eine Familie wohnt in Berlin, der dazu gehörende Schwiegersohn ist Informatiker. Die andere Familie wohnt in Wiesbaden und wie sollte es anders sein, auch dieser Schwiegersohn ist Informatiker😁.
Muss wohl ein toller Job sein!
So, das war es für heute, ich gehe jetzt singen🎶
Es grüsst Dich
Heidi.
2026.03.28
Hallo Heidi,
vielen Dank für Deine ausführlichen Zeilen – ich lese Deine Mails
wirklich gern. 🙂
Dein Bild von Schwedt passt sehr gut zu dem, was ich auch im Kopf
habe.
Wenn ich Schwedt oder auch Leuna höre, denke ich automatisch an
Erdöl- und Erdgasverarbeitung. Das ist bei mir noch stark geprägt
aus meiner Zeit als Lehrling. Ich war damals zweimal in der
Sowjetunion unterwegs – unter anderem Moskau, Leningrad und Minsk
– und dann sechs Wochen direkt an der Erdgastrasse „Druschba“.
Wenn ich heute die Nachrichten verfolge, dann ergeben sich für
mich da manchmal gedankliche Verbindungen: Nord Stream 2, die
blockierte Erdgastrasse durch die Ukraine, aktuelle Konflikte im
Nahen Osten… das hängt für mich alles irgendwie zusammen, auch
wenn man das offiziell selten so hört.
Ich habe ja über 20 Jahre in der Nähe von Cottbus gelebt und
diese Schrumpfung ganz real miterlebt. Cottbus (damals stark von
der Textilindustrie geprägt) und Schwedt sind in dieser
Entwicklung wahrscheinlich wirklich vergleichbar. Ganze Strukturen
brechen weg – und man sieht erst im Nachhinein, was das für eine
Region bedeutet.
Zum Thema Wehrdienst hast Du eigentlich schon alles gesagt – da
brauche ich nichts mehr hinzufügen.
Du hattest nach meiner Familie gefragt, da wird es etwas
umfangreicher 🙂
Mein jüngster Sohn war zunächst Berufssoldat, hatte dann aber
einen schweren Motorradunfall. Danach hat er – finanziert von der
Bundeswehr – einen Bachelor in Wirtschaftsinformatik gemacht. Ich
war vor kurzem bei ihm, und ich muss sagen: Wir verstehen uns
heute besser denn je.
Wir können uns wunderbar über Informatik, Bitcoin/Krypto, aber
auch über die berühmten „Aluhut-Themen“ austauschen – ganz
entspannt und ohne Streit. Auch mit seiner Frau passt das sehr
gut. Das ist nicht selbstverständlich, denn der Rest der Familie
ist da deutlich konservativer und kritischer eingestellt.
Meine Familie insgesamt ist eine kleine „Patchwork-Landschaft“:
Aus meiner ersten Ehe habe ich eine Tochter (Ivonne)
Aus meiner zweiten Ehe zwei Söhne (Michael und Torsten), und
meine damalige Frau hat noch einen Sohn (Bernd) mit in die Ehe
gebracht
In meiner jetzigen Ehe hat meine Frau (Carmelina) noch eine
Tochter (Lianna) mitgebracht
Am Ende sind es fünf Kinder, die „Papa“ zu mir sagen.
Und inzwischen bin ich auch Opa:
Mein Sohn Michael hat einen Jungen (Jonas) und ein Mädchen
(Sarah), und meine jüngste Tochter Lianna hat ein kleines Mädchen
(Linet).
Ich bin also dreifacher Opa 🙂
Dass Du „singen gehst“, finde ich übrigens eine richtig gute
Sache.
Das ist genau so etwas, was man nicht unterschätzen darf – Musik,
Stimme, Gemeinschaft. Das hat etwas Verbindendes und tut einfach
gut.
Und übrigens: Zwei Schwiegersöhne, beide Informatiker – da bist
Du ja thematisch bestens aufgestellt 😄
Vielleicht ist das wirklich ein Beruf, der sich irgendwie
„durchzieht“.
Ich bin gespannt, was Du als Nächstes erzählst
Viele Grüße
Jürgen
2026.03.29
Hallo Jürgen,
danke für die Bilder Deiner Familien. Du scheinst ein glücklicher Mann zu sein.
Drei mal geheiratet😮, hast Du nie den Glauben an die Ehe verloren?
Versteht ihr euch alle gut?
Ich habe nur einmal geheiratet und auch da hatte und habe ich es nicht einfach.
Ich wollte schon unseren Mail-Kontakt abbrechen. Deine vorletzte Mail hat bei mir körperlich etwas ausgelöst, Tränen und Herzrasen. Und das wegen eines Satzes!
Und zwar dieser:"Früher ging es oft darum, zu funktionieren. Heute darf man einfach schauen, was einem guttut."
An diesem, so klugen Satz, ist nichts auszusetzen, nur, dass in meinem Leben nichts "einfach" war. Weder meine Kindheit, noch meine Ehe und mein Arbeitsleben bei POCO schon garnicht. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich nur funktioniert und nicht gelebt. Ich weiß, das klingt verbittert, war aber so. Nach der Wende war mir nur wichtig, dass die Kinder einen ordentlichen Start in ihr Leben bekommen. Beide haben mit Abitur und Führerschein das Elternhaus verlassen.
Annett, die ältere Tochter ging zum Studium nach Greifswald. Sie hat ihren Dr. rer. nat. gleich ans Studium angehangen. Sie arbeitet jetzt an der Charite in Berlin.
Romy, die jüngere ging zur Ausbildung nach Wiesbaden. Sie ist ausgebildete Zahnarzthelferin. Ja, eigentlich ein Beruf, den sie auch hier hätte lernen können, leider nicht zu der damaligen Zeit. Sie hat dann auch noch studiert und hat mit dem Bachelor of Art abgeschlossen. Sie arbeitet jetzt für das städtische Archiv. Du siehst, mein Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, wenigstens in Bezug auf die Kinder.
Da mein Mann, seit seinem 50. Lebensjahr EU-Rentner war, kam für mich Teilzeitarbeit nicht in Frage, wie ich es eigentlich vorhatte, wenn die Kinder einmal ausser Haus sind. Also war meine nächste Ziellinie das Rentenalter. Mein Motto:
Augen zu und durch! 2022 war mein erster Renteneintrittstermin mit Abzügen, den habe ich sofort genommen, schließlich wollte ich ja noch ein paar Jahre Rente erleben und geniessen. Vor dem Genuss, musste ich meinem Mann erstmal seine künftigen Grenzen aufzeigen, um mich emotional zu schützten. Auch das habe ich geschafft bzw. muss ich täglich schaffen, da wir, auf meinen Wunsch, wie in einer WG zusammen leben. Er hätte natürlich ausziehen können,wenn er gewollt hätte. Ich habe darüber innerhalb der Familie offen geredet, doch damit wohl alle überfordert. Egal, ich habe meinen Weg gefunden und bin zufrieden damit und mit mir im Reinen. Endlich!
Ich hoffe, Dich damit nicht auch zu überfordern, wenn Dir das zu viele Informationen sind, lass es mich wissen.
Über die "Aluhut"-Themen, wie Du sie nennst, kann ich nur mit meiner Schwester reden. Ich bin auch fassungslos, was alles über die C-Zeit raus kommt. Einfach skrupellos!
So, jetzt genug gejammert.
Ich lese Deine Mails auch sehr gern und freue mich auf die nächste.
Viele Grüsse, Heidi😉
2026.04.02
Hallo Heidi,
vielen Dank für Deine offenen und ehrlichen Worte.
Ich sage das nicht einfach so – man merkt wirklich, dass da ein
ganzes Leben dahintersteht.
Zuerst einmal: Du hast mich überhaupt nicht überfordert. Im
Gegenteil.
Das sind genau die Dinge, über die es sich lohnt zu schreiben.
Dein Satz „Ich habe die meiste Zeit nur funktioniert und nicht
gelebt“ ist bei mir hängen geblieben.
Und ich glaube Dir das sofort. Nicht, weil Du es so schreibst –
sondern weil man zwischen den Zeilen spürt, was Du alles getragen
hast.
Wenn ich auf Dein Leben schaue, dann sehe ich keine Verbitterung,
sondern eher etwas anderes:
Konsequenz. Durchhaltevermögen. Und auch eine klare Entscheidung,
Verantwortung zu übernehmen – für Deine Kinder, für Deine Familie.
Und wenn ich lese, was aus Deinen beiden Töchtern geworden ist,
dann kann man eigentlich nur sagen:
Ja, es hat sich gelohnt.
Nicht im materiellen Sinn, sondern in dem, was Du ihnen mitgegeben
hast.
Was Du über Deine heutige Situation schreibst – dieses
„WG-Modell“ mit Deinem Mann – finde ich bemerkenswert.
Viele würden daran zerbrechen oder sich in endlosen Konflikten
aufreiben. Du hast für Dich einen Weg gefunden, der funktioniert
und Dich schützt. Und vor allem: Du bist im Reinen mit Dir.
Das ist mehr wert als jede „Bilderbuchlösung“.
Du hast auf meinen Satz reagiert, dass heute vieles „einfacher“
sein darf.
Vielleicht war das Wort „einfach“ tatsächlich nicht das richtige.
Ich würde es heute anders formulieren:
Heute
darf
man hinschauen, was einem guttut – aber der
Weg dahin ist oft alles andere als einfach.
Und bei Dir war er es ganz sicher nicht.
Zu Deiner Frage:
Nein, ich habe den Glauben an die Ehe nicht verloren.
Aber mein Blick darauf hat sich verändert. Früher hatte ich
vielleicht ein bestimmtes Bild im Kopf, wie etwas „sein sollte“.
Heute sehe ich Beziehungen eher so, wie sie sind – mit ihren
Möglichkeiten und auch mit ihren Grenzen.
Ob wir uns alle gut verstehen?
Nicht immer, nicht in jeder Konstellation. Aber im Großen und
Ganzen: ja. Und vor allem ohne große Brüche. Das war mir immer
wichtig.
Was Du zum Thema „Aluhut“ schreibst, kann ich gut nachvollziehen.
Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass man darüber nur mit sehr
wenigen Menschen ruhig und offen sprechen kann. Mit den meisten
führt es eher zu Spannungen als zu Erkenntnissen. Deshalb suche
ich mir da meine Gesprächspartner inzwischen sehr bewusst aus.
Und noch etwas zum Schluss:
Du hast geschrieben „So, jetzt genug gejammert.“
Ganz ehrlich?
Das war kein Jammern. Das war einfach Dein Leben – und Du hast es
beschrieben.
Und ich finde, das darf genau so Raum haben.
Das Neueste bei mir:
Ich habe jetzt eine Brieffreundin, die möchte doch Briefe erhalten
und senden. Ich habe mir extra dafür weißes Papier und einen
Füllhalter zugelegt. So ein Brief dauert dann schon zwei bis drei
Stunden. Und da habe ich mir gedacht, wenn schon, den schon -
entweder richtig oder gar nicht: Meine Oma hat Sütterlin
geschrieben. Das hat mir immer gefalllen. Also habe ich mir ein
Programm geschrieben, wo ich den Text eingebe und den Text als
Sütterlin-Vorlage bekomme. Jetzt brauche ich nur noch "abmalen".
Mal sehen, wie schnell ich es auswendig lerne und ob der Brief
verstanden wird ;-) Vielleicht willst du es mal ausprobieren:
https://suetterlin.ok.tips/
Ein Bekannter hat mich angesprochen, ob ich den technischen Part
bei der Durchführung eines Online-Kongreß übernehme:
https://heizung-planungstage.energie-helden.net/
Der soll am
19.04. starten.
Interessante Aufgaben finde ich zu Hauf. Mal sehen, was draus
wird.
Ich freue mich auf Deine nächsten Zeilen.
Viele Grüße und ein frohes Osterfest
Jürgen
2026.04.03
Hallo Jürgen,
da legst Du Dich aber ordentlich ins Zeug, extra eine alte Schrift lernen👍, finde ich wirklich toll. Du hast auch damit bei mir Erinnerungen an meine Oma geweckt. Sie war Jahrgang 1910 und hat auch altdeutsch geschrieben.
Jetzt, da die Weltlage so angespannt ist, kann ich mir ansatzweise vorstellen, wie das für diese Generation gewesen sein muss. Im ersten Weltkrieg war sie Kind, im zweiten Frau und Mutter von sechs Kindern. Was für eine Verantwortung! Und mein Opa war ihr keine Hilfe, eher eine Last. Sie musste oft noch seine Arbeit mit erledigen, wenn er mal wieder einen "Kater" hatte. Und diese starke Frau hat einmal zu mir gesagt, dass sie nicht mit mir tauschen möchte, weil wir viel zu viel Stress hätten.
Trotz allem war meine Oma ein Unikum, fröhlich, konnte reimen und war bei allen beliebt, ausser bei ihrem Mann und Schwiegersohn (meinem Vater). Für diese Art Mann war sie zu stark, liess sich einfach nicht unterkriegen. Sie hat einmal etwas gereimt, leider kann ich mich nur noch vage erinnern, mit dem Titel "Was alles so im Suff passiert". Das gab sie auf einer Weihnachtsfeier des VEGut's, wo alle Beteiligten arbeiteten, zum Besten.
Jeder wusste sofort, wer gemeint war und alle haben das gefeiert. Meine Oma hat meinen Opa um 25 Jahre überlebt, sie sagte immer, dass es ihre besten Jahre waren. Sie wurde 94 Jahre alt, bis zum Schluss geistig fit und von meiner Mutter umsorgt.
Man Jürgen, Du bringst mich immer zum Plaudern. Ich schreibe auch noch mit Urs aus der Schweiz, aber da rede ich ganz anders, mehr an der Oberfläche, weil ich weiß, dass er wahrscheinlich manche Dinge garnicht verstehen würde. Also die DDR-Besonderheiten. Er bekommt meine Tiergeschichten und Gartenprojekte zu hören. Aber "Das mit uns, geht so tief rein" um mal mit den Worten von Udo Lindenberg zu sprechen, so kann es für mich weiter gehen. Was meinst Du dazu?
Für heute möchte ich enden,
auch ich wünsche Dir und Deinen Familien
frohe Ostern🐇🐣
Heidi
2026.05.06
Hallo Jürgen,
eigentlich wollte ich Dir nicht mehr schreiben, ich habe wirklich lange mit mir gerungen. Aber wir sind doch erwachsene Menschen und können über alles reden!
Du könntest mir schon sagen, warum Du keinen Kontakt mehr zu mir möchtest, oder? Mir wäre das wichtig.
Heidi
2026.05.07
Hallo Heidi,
zuerst einmal: Entschuldige bitte, dass ich auf Deine letzte Mail vom
3.4. nicht geantwortet habe.
Das hatte nichts mit Dir oder unserem Austausch zu tun – ich habe die
Mail schlichtweg übersehen.
Umso besser war Deine Entscheidung, mir jetzt doch noch einmal zu
schreiben. Da hattest Du offensichtlich eine gute Intuition. 🙂
Die letzten Wochen waren bei mir irgendwie auf mehreren Ebenen
gleichzeitig unterwegs.
Alltag, Familie, Technik, Gesundheitsthemen – und zwischendurch immer
wieder Gedanken über größere Zusammenhänge.
Ich war zum Beispiel bei meinem Sohn zu Besuch, der schon 2020 sein
eigenes Haus gebaut hat. Die Reise ohne eigenes Auto war zwar etwas
anstrengend, aber auch interessant. Dabei habe ich wieder einige
360°-Aufnahmen gemacht und später zuhause stundenlang an den Bildern
gearbeitet.
Daneben gab es eher alltägliche Dinge: Arzttermine mit meinem Bruder,
Apotheke, Augenarzt, Blutplasma-Spenden – und zwischendurch so kleine
Situationen, bei denen ich gemerkt habe, dass ich gedanklich oft
irgendwo „zwischen den Welten“ unterwegs bin.
Einmal habe ich sogar einen Handschuh in der Straßenbahn liegen lassen,
weil ich schon wieder über irgendwelche Zusammenhänge nachgedacht habe.
Manchmal komme ich mir tatsächlich ein wenig vor wie der berühmte
„zerstreute Professor“. 🙂
Technisch war auch einiges los.
Mein Windows-Rechner hatte plötzlich Festplattenprobleme und schien
praktisch tot zu sein. Beim Reparaturdienst lief dann plötzlich wieder
alles normal – als hätte sich der Rechner nur kurz erschrecken wollen.
Parallel habe ich weiter an meinen KI-Projekten gearbeitet, besonders an
meiner Idee, Briefwechsel und Kommunikation übersichtlicher und
verständlicher aufzubereiten. Gerade über Ostern war das Wetter eher
kühl und regnerisch – aber dafür war ich erstaunlich produktiv.
Und gedanklich beschäftigt mich oft weniger die Tagespolitik als eher
die Frage, warum sich bestimmte gesellschaftliche Muster immer wiederholen.
Ob Deutschland, China oder andere Länder – vieles erinnert mich manchmal
an langfristige Entwicklungen, die sich durch die Geschichte ziehen.
Du siehst also: Es war keine Funkstille aus Desinteresse, sondern eher
ein etwas chaotischer Mix aus Alltag, Technik, Familie und
Gedankenkarussell.
Deshalb freue ich mich ehrlich, dass Du Dich nochmal gemeldet hast.
Viele Grüße
Jürgen
2026.05.08
Hallo Jürgen,
natürlich kann man eine Mail übersehen, aber im Umkehrschluss hast Du auch keine Antwort von mir erwartet.
Ich weiss, dass Du viel um die Ohren hast und auch sehr engagiert bist bei Deinem
KI-Projekt. Und das Letzte was ich möchte ist, Dir zur Last zu fallen oder dass der Mailverkehr zur lästigen Pflicht wird.
Ich möchte es dabei belassen und hiermit unseren Kontakt beenden.
Ich wünsche Dir wirklich von Herzen viel Freude bei Allem, was Du tust bei bester Gesundheit.
Ein letzter freundlicher Gruss
Heidi
Hallo Heidi,
schade, aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich.
Alles Gute wünscht dir
Jürgen